Interkulturelle Wetterau

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Integration Point Wetterau

Walid Kahlon (rechts) und Mohammad Luqman (links) beraten Herrn Osman.

Walid Kahlon und Mohammad Luqman sind Profiler. Sie sind aber keine Polizisten, die bei der Aufklärung von Straftaten helfen, sondern Mitarbeiter der Kreisverwaltung die das Profil von Flüchtlingen aufnehmen, um sie erfolgreich in den Integrationsprozess zu führen. Ihr Büro haben sie in der Friedberger Pfingstweide, dort wo noch vor gut einem Jahr Flüchtlinge eine Unterkunft fanden. Kreisbeigeordnete Stephanie Becker Bösch, die sich schon vor einigen Wochen über die Arbeit des Integration Point informiert hat, sieht die hier geleistete Arbeit als einen wesentlichen Beitrag zu einer gelungenen Integration an.

„Unsere Schwerpunkte liegen bei Menschen aus den fünf Ländern mit hoher Bleibeperspektive. Das sind neben Syrien, der Irak, Iran, Eritrea und Somalia. Hier liegt die Schutzquote bei über 50 Prozent, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Menschen dauerhaft in Deutschland bleiben ist deshalb sehr hoch.“ Der Weg zum Integration Point Wetterau ist einer der ersten, den Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in der Wetterau antreten. Aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen kommen sie zur Erstaufnahme in die ehemalige Kaserne im Friedberger Dachspfad, wo sie etwa für drei Wochen bleiben.

Mit einem sogenannten Stammdatenblatt werden die wichtigsten Daten erfasst: Neben den persönlichen Daten sind das der Stand der Deutsch- und Fremdsprachenkenntnisse, Schulbildung , Berufs- oder akademische Ausbildung, besondere  Kenntnisse, Berufserfahrungen, Berufspraktika in Deutschland, besondere Fähigkeiten und Interessen.

Die beiden Kollegen der Kreisverwaltung sind für diese Arbeit optimal qualifiziert. Nicht nur dass sie fließend deutsch sprechen, Walid Kahlon ist in Deutschland geboren, sein Kollege Luqman ist hier aufgewachsen. Die beiden sprechen auch urdu, panjabi, arabisch, englisch sowie ein wenig französisch und türkisch.

Erster Kunde am heutigen Tag ist Abel Osman (Name geändert) ein Mann aus Eritrea, der mit seinem Sohn über Libyen und das Mittelmeer geflohen ist. Seine Frau und ein weiteres Kind leben noch dort. In einem Bericht zur Menschenrechtslage ein Eritrea stellten die Vereinten Nationen schwerwiegende Menschrechtsverletzungen wie willkürliche Tötungen, Verhaftungen, Folter sowie fehlende Meinungs- Religions- und Versammlungsfreiheit fest. „Asylgründe spielen aber für die Arbeit im Integration Point Wetterau keine Rolle, wenngleich man die Situation in den Herkunftsstaaten kennen sollte, um bestimmte Haltungen und Erwartungen der Kunden nachvollziehen zu können. Wichtiger sind die Fähigkeiten unserer Kunden“, betont Walid Kahlon.

Ein weiter Weg zur Integration

Osman hat in Libyen Betriebswirtschaft studiert. Dort hat er zunächst in einem italienischen Bauunternehmen, später bei einer Hotelkette gearbeitet. Ohne Deutsch- und Englischkenntnisse sind seine Chancen als Betriebswirt arbeiten zu können freilich gering. Der knapp 50jährige könnte sich deshalb auch vorstellen, als Koch zu arbeiten. Der nächste Schritt ist ein Integrationskurs. Nach einem Test beim Bundesamt für Flüchtlinge (BAMF) wurde Osman einem Kurs im Modul zwei zugeordnet. Das ist relativ niedrig und bedeutet einen weiten Weg zur Integration. Leichter wird es für seinen elfjährigen Sohn, der demnächst eine Intensivklasse in der Wetterau besuchen wird. Wo, das hängt davon ab, wo Herr Osman eine Wohnung findet.

Nachdem der Kunde verabschiedet wurde, findet eine Nachbesprechung statt: Was können wir machen? Welche Möglichkeiten der Fortbildung bieten sich für Herrn Osman? Kann er bald ein Praktikum absolvieren, um seine Eignung als Koch zu testen? Wichtig ist der Besuch der Anerkennungsberatung im IQ Landesnetzwerk Hessen, wo es jeden Dienstag bei der Arbeitsagentur in der Friedberger Leonhardstraße Beratungstermine gibt.

„Unser Ziel ist es, die Menschen, die zu uns kommen, möglichst schnell und erfolgreich beruflich zu integrieren.“ Hemmend wirken dabei nicht nur die fehlenden Sprachkenntnisse, die Sorge um die Familie, die noch im Heimatland ist, um die persönliche Zukunft und die der Kinder. Das sind Probleme, die die Menschen umtreiben, die zu Walid Kahlon und Mohammad Luqman kommen. „Wir sind nicht nur Arbeitsvermittler, sondern leisten in vielen Fällen auch Sozialberatung, manchmal schlüpfen wir sogar in die Rolle eines Seelsorgers.“

Interkulturelle Kompetenz

Wichtig sei eine hohe interkulturelle Kompetenz, um die großen Potenziale, die die Kunden mitbringen, ausschöpfen zu können. Dabei geraten die beiden Profiler immer wieder an Grenzen. „Es ist jammerschade, wenn wir einem jungen Menschen nicht helfen können, der schon gut deutsch spricht und studieren könnte, aber die Fahrtkosten zur Uni nicht aufbringen kann.“

Die großen Probleme der Weltpolitik lassen sich im Integration Point Wetterau nicht lösen. „Aber wir helfen dort, wo es möglich ist und das möglichst früh. Die neu Angekommenen sind froh, wenn sich jemand um sie kümmert und nehmen jede Hilfe dankbar an. Dank kommt nicht nur von dieser Seite. Wir bekommen seit dem Start der Arbeit Anfang Juni viele positive Rückmeldungen von anderen Behörden und Trägern“, berichten die beiden.

Für das nächste Gespräch kommt eine junge Frau aus Äthiopien. Die 21-jährige ist seit neun Monaten in Deutschland und hat in Eigeninitiative begonnen, die Sprache ihrer neuen Heimat zu lernen. Die Verständigung klappt ziemlich gut in Deutsch. Es ist ein sogenannter Zweittermin, das erste Gespräch hat schon vor einigen Wochen stattgefunden. „Wir führen eine Wiedervorlage, mit der wir sicherstellen, dass wir alle Kunden nach dem Erstgespräch noch einmal einladen um zu klären, ob die Vorschläge, die wir gemacht haben, auch so angenommen wurden.“ Die junge Frau sollte eigentlich in der vergangen Woche bei der Arbeitsagentur vorsprechen. Der Termin musste allerdings wegen einer Erkrankung ausfallen. Die junge Frau hat in ihrem Heimatland die Hochschulreife erworben und möchte in Deutschland gerne Architektur studieren. Den Termin zur Anerkennungsberatung hat sie sich schon alleine organisiert, jetzt benötigt sie von der Arbeitsagentur die Kostenübernahme für einen weiteren Sprachkurs.

Unterschiedliche Zuständigkeiten

„Wir haben in unserem Arbeitsfeld mehrere Beteiligte, etwa wenn es um die Kostenübernahme bei Sprachkursen geht. Asylbewerber aus den fünf Ländern mit hoher Bleibeperspektive können wir sofort in Integrationskurse vermitteln. Ist der Asylantrag positiv beschieden, wird das Jobcenter zuständig. Für Interessenten aus anderen Ländern ist grundsätzlich die Agentur für Arbeit zuständig. Das klassische Profiling, also Gespräche zu beruflichen- und Ausbildungsperspektiven führen wir mit allen Flüchtlingen 

„Jeder Mensch bringt etwas mit. Ihm zu helfen ist eine große Herausforderung, aber auch eine schöne Aufgabe, der wir uns täglich stellen“, sagen die beiden Profiler im Dienst der Kreisverwaltung.

Finanziert wird das Projekt aus dem Ausbildungs- und Qualifizierungsbudget des Landes Hessen. Die Finanzierungszusage gilt zunächst einmal bis zum Jahresende. Der erfolgreiche Start seit dem 1. Juni legt aber nahe, dass das Projekt fortgeführt wird. „Es wurde uns signalisiert, dass wir zumindest bis Ende 2019 weiterarbeiten können“, sagt Mohammad Luqman und bittet den nächsten Kunden ins Büro.

Wetteraukreis

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